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Alain de Botton:
Freuden und Mühen der Arbeit

ISBN: 3100463226
Erscheinungsjahr: 2012
S. Fischer Verlag

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Im Räderwerk der Arbeitswelt
        


 
ie Arbeitsteilung ist das grundlegende Organisationsprinzip der modernen Industrie. Die Zerlegung von Arbeitsaufgaben in Teilaufgaben erlaubt die Spezialisierung von Organisationen und jedes Einzelnen und führt dadurch zu höheren Leistungen. Idealerweise tut jeder das, was er am besten kann. Ohne Arbeitsteilung und Spezialisierung wäre es wohl kaum zu jenem Wirtschaftswachstum in der industrialisierten Welt gekommen, das einen nie gekannten Wohlstand brachte.

Sind wir heute an einem Punkt angelangt, an dem die Arbeitsteilung und Spezialisierung auf die Spitze getrieben wurden, weil die Tätigkeiten des Einen keinen Sinn mehr für den Anderen ergeben? Wer kann schon genau sagen, was sich hinter all den Jobtiteln und -beschreibungen exakt verbirgt? Welchen Beitrag zum Gesamten trägt die einzelne Arbeitsstelle bei? So weit ist die Arbeitsteilung heute vorangeschritten, dass der Sinn einzelner Tätigkeiten sich kaum noch erschließt. Und kaum jemand kennt noch Herkunft und Geschichte der Produkte, die wir tagtäglich kaufen, essen und nutzen. In seinem Buch Freuden und Mühen der Arbeit widmet sich Alain de Botton dem, was Karl Marx Entfremdung nannte und macht sich auf die Suche nach den Zusammenhängen und dem Sinn in unserer ausdifferenzierten Arbeitswelt.

Und so begibt sich der Autor vor Ort, etwa auf die Malediven, um nachzuforschen, woher der Fisch kommt, der 52 Stunden nachdem er aus dem Meer gefischt wurde in einem englischen Supermarkt im Kühlregal liegt und danach auf dem Teller landet. Alain de Botton nimmt seine Leser mit auf eine Reise an Orte, die für unseren Konsum eine Rolle spielen, aber gewöhnlich außerhalb unseres Blickfelds liegen: Lagerhallen, Logistikzentren, Frachträume von Flugzeugen, Marketingabteilungen, Industriehäfen, Fabriken und noch vieles mehr.

In elf Reportagen berichtet er unter anderem aus einer Keksfabrik, macht sich auf eine Kontrolltour für Strommasten, taucht ein in die Welt der Berufsberater und Wirtschaftsprüfer oder begibt sich auf einen Flugzeugfriedhof. Dabei blickt er den dort Beschäftigten über die Schulter – teils humorvoll, teils geringschätzig klingt das dann. Alain de Botton versteht es meisterhaft, den Leser zum Schmunzeln zu bringen, wenn er ihn etwa einer Konversation zweier Keksbäckerinnen beiwohnen lässt. An einigen Stellen jedoch kippt der Humor ins Überhebliche, wenn sich der Autor über die Bedeutung, die die einzelnen Arbeiter ihrer jeweiligen Arbeit beimessen, lustig macht, der er – aus der Vogelperspektive betrachtet – im Gesamtgefüge nicht die gleiche Bedeutung beimisst. Sinn muss eben nicht notwendigerweise für jeden dasselbe bedeuten. Für de Botton geht es immer darum, dass »der einzelne Arbeiter zwischen dem, was er an seinem Arbeitstag getan hat, und der Auswirkung seiner Tätigkeit auf das Leben anderer Menschen noch einen imaginativen Zusammenhang herstellen kann».

Auf seiner Weltreise durch die Arbeitswelt trifft Alain de Botton immer wieder auf einen scheinbar unauflösbaren Widerspruch: Bei aller Entfremdung und Spezialisierung bis hin zum Absurden wird Arbeit auch mit einer immensen Bedeutung aufgeladen. Menschen definieren sich über ihren Beruf, auch wenn sie als Teil eines großen Ganzen kaum noch ihren Beitrag im riesigen, vernetzten Räderwerk der Arbeit erkennen können. Antworten und Lösungen bietet der Philosoph de Botton nicht. Das macht er sich jedoch auch nicht zur Aufgabe. Es sind lediglich Beobachtungen, an denen er seine Leser teilhaben lassen möchte – und die sind umso scharfsinniger und humorvoll. Und nicht zuletzt ist das Buch lesenswert wegen der schwarz-weiß Fotos von Richard Baker, die den Text begleiten und diesem in ihrer treffenden Schlichtheit eine ganz besondere Note geben.