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Susanne Gaschke:
Klick. Strategien gegen die digitale Verdummung

ISBN: 3451299968
Erscheinungsjahr: 2009
Herder

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Wider blinden Fortschrittsglauben
        


 
chon in den 1960er Jahren hat der Medientheoretiker Marshall McLuhan beschrieben, wie Medien nicht nur Inhalte transportieren, sondern auch den Denkprozess beeinflussen. Dies gilt für das Internet in besonderem Maße: Die Links, die uns innerhalb der Fülle der Informationen von einer Webseite zur anderen springen lassen, haben wesentlich die Art und Weise verändert, wie wir lesen und Informationen aufnehmen: Haben wir uns beim Lesen von Büchern noch in die Inhalte vertieft, sind in die Tiefen des Wissens eingetaucht, so bleiben wir im Internet an der Oberfläche.

McLuhans Gedanken entwickelt Nicholas Carr  mit Blick auf Computer und Internet  in seinem Artikel Is Google Making Us Stupid fort. Darin beschreibt er einleitend, wie es Menschen (auch ihm selbst) zunehmend schwer fällt, ein Buch zu lesen, sich zu konzentrieren und während langer Texte fokussiert zu bleiben. Seine Erklärung dafür ist, dass wir durch das Internet diese Fähigkeit verloren haben, uns eine andere Art des Lesens angeeignet haben: Texte werden angelesen, höchstens überflogen, mehrere Textpassagen verschiedener Quellen werden gleichzeitig gelesen, immer buhlen mehrere Quellen gleichzeitig um unser Interesse und keine erhält sie ungeteilt. Im Internet springt der Leser von einem Text zum nächsten und kaum jemals wieder an die verweisende Stelle zurück. Es liegt auf der Hand, dass die Flüchtigkeit der Informationsaufnahme im Internet unsere Wahrnehmung und unser Denken anders berührt als die Buchlektüre dies tut. Im Internet wird nicht im herkömmlichen Sinne gelesen: Es entwickelt sich eine neue Art des Lesens, bei der wir niemals in die Tiefe eintauchen, uns keine Zeit bleibt, Gedanken wirken zu lassen, Überraschendes zu entdecken, weil nur das gelesen wird, was auch gesucht wurde. Aber nur das anhaltende, ungestörte Lesen fördert eigene Assoziationen, Schlussfolgerungen und Ideen.

Mit dem Internet steht uns eine nie zuvor gekannte Fülle an Informationen zur Verfügung. Ein Mausklick erspart uns den Gang in die Bibliothek, ermöglicht das schnelle und einfache Recherchieren und die effiziente wissenschaftliche Zusammenarbeit. All dies sind zweifellos große Errungenschaften dieses noch relativ jungen Mediums. Jedoch kann das Internet nur gewinnbringend nutzen, wer die notwendigen Voraussetzungen mitbringt: Lesekompetenz, Urteils- und Konzentrationsvermögen. Und diese Fertigkeiten erwirbt man nicht im Internet, sondern durch das Lesen von Büchern. Dies ist die These von Susanne Gaschkes Buch Klick, in dem sie sich mit der neuen digitalen Kultur, die dieses Medium gebracht hat, auseinandersetzt.

Es ist unschwer, schnell zu erkennen: ein besonderes Anliegen ist der Autorin die Leseförderung. »Wer nicht lesen, verstehen, beurteilen kann, kann die unermesslichen Informationsmengen im Netz nicht gebrauchen, so einfach ist das.« Seit Jahren wird eine nachlassende Lesekompetenz festgestellt. Gleichzeitig konkurrieren Bücher immer stärker mit elektronischen Medien und Zeit, Aufmerksamkeit und Wertschätzung. In den letzten Jahren hat sich der Schwerpunkt in Richtung der vermeintlich fortschrittlichen digitalen Angebote verschoben. Bücher gelten Vielen als altmodisch und das Bekenntnis, nicht zu lesen, ist längst salonfähig. In dieser Situation muss sich eine Gesellschaft ernsthaft die Frage stellen, was sie für wichtig hält. Welche Akzente setzen Bildungspolitiker, Eltern und Lehrer? An diesem Punkt ist Susanne Gaschke skeptisch. Es ist keineswegs ihr Anliegen, das Internet per se zu verteufeln, jedoch stellt sie fest, dass allzu oft das Internet einseitig mit einer großen Hoffnung verbunden wird: bringt das Netz wirklich mehr Demokratie, klügere Wissenschaft, verantwortlicheren Journalismus und mehr soziale Gerechtigkeit?

Die digitale Entwicklung wird in der Öffentlichkeit als wünschenswerter Fortschritt wahrgenommen. Ein kritischer Blick fehlt gänzlich: Wer sich skeptisch äußert, steht gegen den Fortschritt an sich. »Wer nicht uneingeschränkt für das Netz ist, ist gegen es.« Warum findet es kaum jemand einer kritischen Überlegung wert, wenn Microsoft Kindergärten mit Computern und Software ausstattet? »Schulen ans Netz zu bringen« scheint den Erfordernissen der »Wissensgesellschaft« geschuldet. Die Frage, ob sich die Fantasie von Kindern tatsächlich in den engen Bahnen von Lernsoftware am besten entwickelt, ist dann nur noch zweitrangig. Die Kleinen frühzeitig mit der Computernutzung vertraut zu machen diene schließlich dem Fortkommen in der Wissensgesellschaft. Blindlings wird Internet mit Wissensgesellschaft gleichgesetzt und Wissen als Ware betrachtet, die mit industrieller Effizienz gespeichert und verarbeitet werden kann. Ist es aber richtig, dass mehr Wissen automatisch zu mehr Produktivität führt? Unsere Gehirne arbeiten nicht wie Datenverarbeitungsmaschinen... Wäre den Erfordernissen der Wissensgesellschaft nicht tatsächlich eher gedient, Kinder und Jugendliche im kritischen Umgang mit dem Internet und seinen Inhalten zu schulen?

Susanne Gaschke gibt wichtige Denkanstöße, um zu einem kritischeren Umgang mit dem Internet zu motivieren. Es muss durchaus die Frage erlaubt sein, wo das Internet von Nutzen ist und wo es als bloße Zeitverschwendung zu werten ist. Denn momentan herrscht in der Diskussion heilloser Zweckoptimismus: Zwar kann man das Netz für qualifizierte Recherche und wissenschaftliche Kooperation nutzen, aber auch für sinnlose Kommunikation. Beileibe haben nicht alle Nutzer nur wissenschaftliches Arbeiten im Sinn.