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Krystian Woznicki:
Abschalten. Paradiesproduktion, Massentourismus und Globalisierung

ISBN: 3865990460
Erscheinungsjahr: 2008
Kulturverlag Kadmos

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om »Baum der Erkenntnis«, der einst in der Mitte des Garten Edens stand, zu essen, war, wenn wir den biblischen Quellen folgen, den Menschen strengstens verboten. Dies hinderte sie bekanntlich nicht daran, von der verbotenen Frucht zu probieren. Die Missachtung dieses Verbots, das Gottvater seinen Geschöpfen auferlegt hatte, führte zum Verlust an Lebensfülle und Lebensglück. Nackt und armselig, in Schimpf und Schande mussten sie das Paradies verlassen. Ihrer Bedürftigkeit gewiss müssen sie fortan ihren Arbeitsalltag im Schweiße ihres Angesichts bewältigen.

Unklar ist, warum die Menschen einen Großteil ihrer Anstrebungen seither darauf ausrichten, ein zweites Mal von diesem Baum zu kosten. Die Erinnerung an den unwiderstehlichen Geschmack dieser Frucht scheint sich tief in ihr kollektives Bewusstsein eingegraben zu haben. Klar ist hingegen, dass die Suche nach dem verlorenen Paradies säkularisiert worden ist. Guckt man sich diesbezüglich die Geschichte an, so stößt man dort auf eine never ending story.

Eine andere Welt ist möglich
Befeuert hat der Traum von einer anderen und besseren Welt vor allem Abenteurer und Händler, Entdecker und Fantasten, Missionare und Eroberer. Er hat sie entweder aufs offene Meer hinausgetrieben oder sie in noch unbekannte Regionen der Erde getrieben. Mal war es ein El Dorado, das gefunden oder erobert werden musste, oder eine unbekannte Insel (Utopia), die es zu entdecken galt; mal war es ein Gelobtes Land, das auf seine Besiedelung wartete oder eine City Upon A Hill, die gegründet werden sollte. Unzählige Romane, Filme und Bilder erzählen und zeugen von diesen Versuchen bis auf den heutigen Tag.

Seitdem aber auch noch die letzten Ecken und Winkel der Erde vermessen, ausgeleuchtet und verdrahtet sind, haben sich die Menschen eher auf die Schaffung künstlicher oder virtueller Paradiese verlegt: auf Freizeitparks, Shopping Malls und luxuriös beatmete Badeinseln etwa, auf die Flucht in den Drogen- oder Alkoholrausch, auf Alternativwelten wie Second Life und andere virtuelle Spielwelten oder auf den Trip in tropische Länder, wo Palmen, einsame Strände und unbegrenzter Sonnengenuss auf sie warten.

»Abschalten« ist darum nicht nur der passende Titel eines überaus flott geschriebenen Buches, das sich mit den modernen Machenschaften der Ferntouristik und der Paradiesproduktion unter globalisierten Verhältnissen kritisch auseinandersetzt. Unter »Abschalten« kann man auch den säkularisierten Traum des allseits erreichbaren Mitarbeiters verstehen, sich wenigstens für eine Zeitlang von den Zumutungen zu befreien, die Email, BlackBerry und Internet in der modernen Arbeitswelt für ihn bereithalten.

»Offline« zu sein für Verwandte, Kollegen oder den Chef, kann man aber heutzutage (wenn überhaupt) nur noch in Regionen und Gegenden, die entweder lose, kaum oder gar nicht an die vernetzte Weltgesellschaft angeschlossen sind. Beispielsweise in schwer zugänglichen Dschungelgebieten, in unwirtlichen Eis- oder Sandwüsten oder in von Krieg, Hunger und Terror erschütterten Ländern. Doch gerade dort, wo das »Glück der Unerreichbarkeit« auf den »Aussteiger« wartet, lauert die Gefahr: Terrorkommandos, Entführung und Kriminalität auf den Individualreisenden, Umweltzerstörung und soziale Anomie auf die Einheimischen.

Am Beispiel Myanmar, der Pazifikinsel Okinawa und dem Ende der Transamerica-Route in Panama spürt Krystian Woznicki, ehemaliger Außendienstmitarbeiter des Popmagazins SPEX und Gründer des digitalen Mini-Feuilletons berlinergazette.de, der Faszination und den gefährlichen Ambivalenzen nach, die diese modernen Paradiesentwürfe der Touristikindustrie sowohl für die Einheimischen als auch für Otto Normalbürger bedeuten.

Dem Schwarz-Weiß-Denken verpflichtet
Die Analysen, die Woznicki anstellt, überzeugen nicht immer. Mitunter agiert der Autor viel zu sprunghaft und eklektistisch. Statt sich auf sein jeweiliges Thema zu konzentrieren, etwa auf die politischen, wirtschaftlichen, sozialkulturellen Folgen von Drogenanbau und Krieg, Sex-, Pauschal- und Individualtourismus für das Golden Triangle, die Khaosan Road in Bangkok oder das Darién Gap, will der Autor den Leser auch noch mit den Motiven und Nachwehen der Irakkampagne, dem War on Terror und dem Tsunami im Indischen Ozean konfrontieren. Es mag ja sein, dass alles mit allem irgendwie zusammenhängt. Dem Erkenntnisgewinn dient eine solche Mixtur aber gerade nicht. Das ist das eine.

Das andere ist, dass es nicht unbedingt der Kolonialismus, der Turbo-Kapitalismus oder der moderne Imperialismus allein ist, der diesen Orten ihre kulturellen Wurzeln raubt, die Ortsansässigen dem sozialen Verfall übereignet oder das Land auf Dauer ökologisch verwüstet. Da denkt der Autor viel zu eindimensional und in Schwarz-Weiß-Kategorien. Ähnliches könnte man (siehe Tibetfrage) auch über die Politische Theologie der Menschenrechte berichten, derer sich der säkulare Verfassungsstaat bedient, um abweichende Völker und Kulturen auf Linie zu zwingen.

Vielmehr scheint es gerade der Wunsch nach dem Verlorenen selbst zu sein, der jene Ungeheuer gebiert, die Woznicki mit seiner kritischen Studie bannen und vertreiben möchte. Es ist weniger die Lust nach kultureller Begegnung mit dem Anderssein als vielmehr die kurzfristige Suche nach Glück oder der Ausbruch aus den Ritualen des Alltags, die den Reisenden in ferne Traumwelten oder Risikogebiete treibt  worauf etwa die Romane von Michel Houellebecq aufmerksam machen.

Wer Orten, Stämmen und Kulturen ihre Würde lassen oder zurückgeben will, sie von den schlimmen Effekten des Tourismus bewahren möchte, müsste, da muss man nur bei Claude Lévi-Strauss nachlesen, seine Sehnsucht nach dem Fremden und Anderen selbst kappen. Das gerade will der Autor aber nicht, er will sich seinen Traum von einer besseren Welt nicht nehmen lassen. Dass er damit möglicherweise an den Interessen der Einheimischen vorbeidisputiert, die auf die Touristen aus den reichen westlichen Ländern angewiesen sind, weil sie trotz aller unangenehmen Nebeneffekte auch deren Lebensstandard heben, sieht er hingegen nicht.

Globalisierung, auch in der Touristik, vollzieht sich weit komplexer als der Autor zugeben oder sich das vorstellen will. Sie schafft, wie in den Schwellenländern anschaulich zu beobachten, Arbeit, Infrastruktur und Wohlstand; sie verteilt nicht nur Reichtümer und Macht neu, sie gibt den ehemals »Zukurzgekommenen« in der vormals Dritten Welt jene Mittel und Wege an die Hand, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen.